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Reetdächer

Die letzten Zeugen unseres Schiffer und Bauerndorfes

Schon im 2. Jahrhundert haben in Rekum am Mühlberg Häuser gestanden.
Reste dieser Häuser sind 1967 und 1982 nachgewiesen worden.

Man fand Reste von Langhäusern (61m), Grubenhäuser, Speicher, Nebengebäude, Zäune, Brunnen und einen Rennfeuerofen.
Vermutlich sind alle Gebäude mit Reet gedeckt gewesen, da es an der nahen Weser große Schilfvorkommen gab.
Reet, Reit, Schilf oder Rohr meinen immer die gleiche Pflanze, die im flachen Wasser wächst und zum Dachdecken verwendet wird.

Reeternte
Dieses Reet wird wie in alter Zeit immer geerntet wenn starker Frost herrscht.
Nur dann kann man per Erntemaschine zu den Reetfeldern fahren um zu ernten.
Wobei 30-50% der Flächen aus Natur- und Vogelschutzgründen stehen bleiben.

Seit Jahrtausenden bewährt

Fotos: FR        aus MEIN VEREIN, Sonntag, den 18.11.2018 von Ulf Fiedler

 

Reetgedeckte Häuser haben in Norddeutschland eine lange Tradition und strahlen besonderes Flair aus.
Reetgedeckte Häuser strahlen einen besonderen Charme aus. An den Küsten sind sie noch häufig zu sehen.

„Dort im Norden wohnt ein bejammernswertes Volk auf künstlichen, nach Maßgabe der höchsten Flut aufgeworfenen Hügeln, auf denen ihre Hütten stehen. Schiffenden gleichen sie, wenn die Wogen das Land bedecken, Schiffbrüchigen, wenn diese zurückebben. Aus Schilf und Binsen flechten sie Stricke und Netze.“ So beginnt der Bericht des römischen Geschichtsschreibers Plinius über die Bewohner der norddeutschen Küsten.

Erstmals erfährt man hier von Schilf als Werkstoff auch im Norden. Schilf, Reit oder Reet – drei Bezeichnungen für dasselbe Material – wird seit Jahrtausenden als Bedachung und zur Verstärkung der Deiche benutzt. Schilf wuchs in der wasserreichen Küstenregion auf fruchtbarem Schwemmboden reichlich, und es ist anzunehmen, dass auch die ärmlichen Hütten der von Plinius geschilderten Chauken damit bedeckt waren.

Bis heute hat sich vor allem im ländlichen Bereich die „weiche Bedachung“ mit Schilfrohr oder Reet gehalten. Reetdächer gehören zum traditionell vertrauten Bild der Dörfer an Nord- und Ostsee. Aber auch die nachgebauten Pfahlbauten in Uhldingen am Bodensee, deren Ursprung in die Steinzeit und Bronzezeit reicht, sind reetgedeckt.

Man schätzte von jeher die Vorteile: Ein Reetdach schützt im Sommer vor zu großer Erwärmung und hält im Winter die Kälte ab – wenn auch heute Fachleute sagen, dass der eisige Wind durch die feinen Röhren des Bedachungsmaterials hindurchdringt und innen zu spüren ist. Man muss also eine windundurchlässige Grundschicht beflocken, um diesen Nachteil aufzuheben. Es gibt Gebiete, etwa in Kampen auf Sylt oder auf einigen Teilen der Nachbarinseln, wo Reetdächer vorgeschrieben sind. Auch in der Siedlung „Am Lehnhof“ in Bremen-Sankt Magnus lässt man nur weiche Bedachung zu. Seit 2014 ist die Technik des Dachdeckens mit Reet als immaterielles Kulturerbe von der Unesco anerkannt.

Eine Grundregel für das Reetdach ist sein breiter Dachüberstand von 50 Zentimetern. Das tief gezogene Dach vermittelt das Gefühl anheimelnder Geborgenheit. Dabei hat der weit herausgezogene Dachüberstand eine baupraktische Begründung: Da keine Regenrinne angebracht werden kann, muss das Regenwasser von der um 45 Grad geneigten Dachhaut weit genug vom Mauerwerk entfernt in ein Kiesbett abtropfen.

Schwierig zu bearbeiten, aber angenehm in der organisch weichen Linienführung, sind die Dachgauben. Ein mit Dachlatten vorgegebenes Gerüst gibt die Formen vor. Typisch sind die kurzen Leitern, die den Handwerkern auf dem Dach Halt geben. Besonderes Wissen und spezielles Handwerkzeug unterscheiden die Reetdachdecker von ihren Kollegen der Hartbedachung. Das Reet wird heute aus Rumänien, Ungarn oder der Türkei geliefert, manches auch aus der Ukraine. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Firstabdeckung. Hier wurde in der Vergangenheit vorjähriges, verholztes Heidekraut verwendet. Mittlerweile sieht man am First aber auch dünne Eichenschindeln, die auf Seegras aufliegen.

Hoch schätzt man die Brandgefahr der weichen Bedachung ein. Schon früh wurde fahrlässiger Umgang mit offenem Feuer hart bestraft: In einem Gesetzblatt von 1770, das im  Archiv der Burg Blomendal aufbewahrt wird, heißt es: „An gefährlichen Orten rauchen, laut Verordnung de dato 29. Decbr. 1770 vier Wochen Gefängniß bey Wasser und Brod“. Ein weiterer Paragraf bestraft „Schießen auf Hochzeiten item Neujahr schießen zwischen den Häusern, jeder Schuß 2 Thaler oder Gefängniß“. Man denke nur an den Vorderlader, dessen Rohr mit Pulver vollgestopft wird und beim Abzug eine nicht geringe Stichflamme erzeugt – und das zwischen weich gedeckten Häusern. „Pfeife rauchen ohne Kapsel 2 Thaler – wovon dem Denuncianten die Hälfte zukömmt“. Auch in der Gegenwart gibt es strenge Bestimmungen, etwa was Feuerwerk oder Osterfeuer in der Nähe von Reetdächern betrifft.

Ein Reetdach hält je nach Lage und Beanspruchung zwischen 30 und 50 Jahre. Nach zehn bis 15 Jahren entstehen dichtere Moospolster. Dann sollte die Dachhaut „gekämmt“ werden, um nicht weiteren Bewuchs zu fördern.

Für DIE WOCHE - MEIN VEREIN schreibt Ulf Fiedler regelmäßig Texte über Wissenswertes aus der Historie der Region. Lob, Anregungen und Kritik an ulffiedler2@gmail.com.