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Die Farger Fähre einst und jetzt

Text und Bilder ursprünglich von Hans Lübsen (Heimatblatt Nr. 68, Juni 1974); überarbeitet und erweitert von Jörg Bolz

Der Ortsname Farge, der an Fähr erinnert, deutet darauf hin, dass hier bereits vor vielen Jahren eine Übersetzmöglichkeit auf das gegenüberliegende Ufer der Weser – also eine Fähre – bestanden hat. Ursprünglich war Farge ein kleines Fischerdorf. Obwohl alte Urnenfunde auf frühzeitige Besiedlung des Ortes schließen lassen, hatte es bis 1586 mit nur drei Häusern keine Bedeutung. Die erste Ansiedlung muss etwa dort gelegen haben, wo 1852 die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder abgebrochene frühere Steingutfabrik Witteburg A.G. errichtet worden war, also in der Gegend des heutigen Farger Kraftwerks. Sie trug den Namen „Versfleth“ (Verse = Verge = Fähre am Fleth). Eines der ältesten Häuser dieser Siedlung dürfte zweifellos dort gestanden haben, wo sich heute das Fährhaus Meyer Farge befindet.
Die Fährverbindung zwischen Farge und der Juliusplate besteht seit 1823. Sie setzt die alte Fährtradition fort, die eine Verbindung zwischen Versfleth und Elsfleth aufrechterhielt. Hier kreuzte die von Ostfriesland kommende Heerstraße, die quer durch Stader Gebiet an die Niederelbe heranführte, die Weser. Im 18. Jahrhundert wurde die Fähre zunächst alljährlich und später für jeweils drei Jahre verpachtet. Vor Beginn der Pachtzeit hatte der Pächter einen Vertrag zu unterschreiben, der seine Pflichten festlegte. Darin war u.a. erwähnt, dass „wenn der Pächter Vagabonden oder Bettler ins Land bringt“, der Vertrag für ungültig erklärt wird.
Der Pastor hatte den Namen des jeweiligen Pächters „abzukanzeln“, d.h. der Gemeinde von der Kanzel herab bekanntzugeben.
Weil sich die Fährzuwegung in einem erbärmlichen Zustand befand, wurde die Fähre nicht allzu oft benutzt. Auch war die Weser in ihrem Verlauf sehr verwildert. Sandbänke, Untiefen, Schilfinseln und Schlickhalden machten das Überqueren des damals doppelt so breiten, aber flachen Gewässers zu einem unsicheren und mühsamen Abenteuer. 1745 erklärte der Fährpächter Johann Kieling auf dem Landratsamt in Blumenthal: „Es wäre das Fehr in Farge gantz verschlammet und verschlicket, so daß auch weniger Leute sich dessen zur Überfahrt mehr bedienten, sein Mitpächter Albert Nienborg wollte also solches nicht mehr haben. Sie beide hätten vorher An-Pacht-Geld vor ein gantzes Jahr 2 Rthlr 16 Grote gegeben. Wann es solches nicht vor 1 Rthlr ein gantzes Jahr pro Futoro nicht bekommen könnte, so verlange er es nicht“. Weiter geht aus den Protokollen des Landrats hervor, dass sich im Jahre 1755 kein Pächter für die Fähre gefunden hat.
Für die Überfahrt von der oldenburgischen Seite nach Farge gab es ebenfalls eine Fährgerechtigkeit. Der Farger Fährmann durfte Fahrgäste ins Stedinger Land bringen, musste jedoch leer zurückfahren. Der Personenverkehr vom linken Weserufer nach Farge wurde vom Fährmann der oldenburgischen Fährgerechtigkeit ausgeführt. Derselbe wohnte zuletzt in dem großen Haus auf der Juliusplate in unmittelbarer Nähe der Weser und betrieb nebenbei eine Korbflechterei.
Die gegen Ende des vorigen Jahrhunderts von Franzius begonnene Weserkorrektion brachte für den hiesigen Fährbetrieb einen großen Vorteil. Die Fährverhältnisse waren besonders auf der Oldenburger Seite bis dahin sehr primitiv. Um ans Fährboot zu kommen, musste man wenigstens 20 bis 25 Meter durch weichen Schlick waten. Nicht selten musste der Fährmann Damen durch den Schmutz tragen. Durch Anbaggerungen wurde damals ein passierbarer Weg ans Fährboot geschaffen.
Wie bereits gesagt, gehörte das Fährhaus in Farge zu den ältesten Häusern des Ortes. In alten Chroniken wurde es als Brinkkate Nr. 8 (vermutlich also das achte Haus im Ort) bezeichnet. Es soll von einem hannoverschen Fürsten erbaut und als Erbzinsstelle verpachtet worden sein. Friedrich Rengstorf erwarb das Fährhaus und verkaufte es wieder an seinen Bruder Heinrich. Dieser war ein gelernter Uhrmacher. Im Winter unterrichtete er in diesem Hause Kinder, im Sommer betrieb er Holzhandel. Außerdem errichtete er dicht beim Fährhaus einen Kalkofen und brannte darin Muschelkalk. Im Jahr 1828 brannte das Fährhaus ab. Hinrich Rengstorf baute es wieder auf und vererbte es an seinen Sohn Maximilian, den Urgroßvater des langjährigen Inhabers des Fährhauses Meyer.
Im Jahre 1857 wurde in Bremen der Norddeutsche Lloyd gegründet. Diese Schifffahrtsgesellschaft ließ im Sommer regelmäßig Personendampfer von Bremen nach Bremerhaven und zurückfahren (die Eisenbahnverbindung Bremen-Bremerhaven besteht erst seit 1862). Fahrgäste der Dampfer, die in Farge ein- oder aussteigen wollten, wurden vom Fährmann mit einem Ruderboot ans Schiff bzw. an Land gebracht.
1898 übernahm Ferdinand Meyer das Farger Fährhaus und damit auch die Fähre zwischen Farge und der Juliusplate, die damals zunächst mittels eines Ruderbootes – eines sogenannten Dielenschiffes – betrieben wurde. Hans Lübsen schrieb in seinem Artikel: „Ich entsinne mich sehr wohl, daß drüben auf „Guntsiet“ – etwa zur Zeit des Ersten Weltkrieges – ein Stück von einer Eisenbahnschiene aufgehängt war, gegen das man mit einem kräftigen Hammer schlug, um durch den dadurch entstehenden lauten über die Weser schallenden Klang dem Fährmann (Ferdinand Meyer) kundzutun, daß man herübergeholt werden wollte“.
Im Jahre 1919 trat an die Stelle des damaligen Ruderbootes ein Motorboot mit dem schönen Namen „Sturmvogel“.
Zahlreiche zu befördernde Personen brachten auch ihre Fahrräder mit sich. Letztere wurden im Vorderteil des Schiffes aufgestapelt. Nicht selten müssten auch Motorräder im Boot transportiert werden, Autos gab es zu der Zeit kaum.
Im Verlauf der Jahre folgten dann im Fährbetrieb die Motorboote „Juliusplate I“ und „Juliusplate II“. 1950 wurde auf der Farger Seite ein größerer Anleger gebaut, und 1957 errichtete die im gleichen Jahr gegründete Fährgemeinschaft Farge (Joh. Moll & Sohn, Ferdinand Meyer und Heinrich Dallmann) auf der Juliusplate einen Brückenkopf mit Brücke und Anleger. 1957 wurde schließlich das Fährschiff „Adler“, dass früher zwischen Blumenthal und Motzen verkehrte und einen PKW aufnehmen konnte, in Dienst gestellt.
Um die gleiche Zeit ist auch die Schnell-Lastfähre Berne-Farge GmbH in Leben gerufen worden, an der neben den drei Partner der 1957 gegründeten Fährgemeinschaft auch noch der Landkreis Wesermarsch beteiligt war. Diese neu entstandene Gesellschaft für die Fähren Blumenthal-Motzen und Berne-Farge baute zunächst die für eine große Lastfähre erforderlichen Rampen beiderseits der Weser, und im Mai 1960 konnte bereits das erste Schnellastfährschiff, die „Berne-Farge“, seiner Bestimmung übergeben werden. Dieses Schiff hat ein Fassungsvermögen von 15 PKWs und 150 Personen. Es folgte dann in der Inbetriebnahme im Jahre 1964 die gleich große Fähre „Juliusplate“, und schließlich konnte im Juli 1972 das 22 PKWs und 220 Personen fassende Fährschiff „Stedingen“ in Dienst gestellt werden. Bei allen drei Schiffen handelt es sich um solche, die durch sogenannte Dieselmotoren und sogenannte Schottel-Ruderpropeller angetrieben werden, d.h. sie werden nicht, wie bei herkömmlichen Schiffen, durch ein am Heck des Fahrzeugs angebrachtes Ruderblatt, sondern mittels der sie antreibenden Propeller gesteuert. Ein solches Schiff hat eine weit bessere Manövrierfähigkeit als ein rudergesteuertes. Die Schiffe wurden damals mit modernsten Navigationsinstrumenten ausgerüstet und können bei jedem Wetter, selbst bei starkem Nebel, reibungslos operieren.
Mit den zwei Schiffen können in einer Stunde etwa 20 Überfahrten vorgenommen werden, zur Pflicht gemacht sind sechs Doppelfahrten, also 12 Überfahrten pro Stunde. Die „Juliusplate“ konnte, im Gegensatz zu den beiden anderen Schiffen, nicht nur an Rampen, wie denjenigen in Farge und Berne, an- und ablegen, sondern auch an herkömmlichen Pontons, wie es sie in den siebziger Jahren noch in Rönnebeck und Dedesdorf gab. Das Be- und Entladen wird dann natürlich an der Schiffsseite vorgenommen; aber auch in dem Fall können Kraftfahrzeuge ohne Schwierigkeiten befördert werden.
Erwähnt sei hier noch, dass im April des Jahres 1963 in Farge die Wilhelmshavener Straße fertiggestellt wurde, bei der es sich um eine großzügig ausgebaute Autostraße handelt, die eine direkte Verbindung zwischen der Fähre und der Farger Straße darstellt.
Dieses kurze Teilstück der Bundesstraße 74 (heute mit Anbindung an die 2009 fertiggestellte A270) hat wesentlich zur Vereinfachung des Kraftfahrzeugverkehrs von und zu der Farger Fähre beigetragen. Bis zu jenem Tag war die Fähre nämlich nur über die an sich doch recht primitive Straße Witteborg zu erreichen.
1993 wurde dann die Fähren Bremen-Stedingen GmbH (FBS) gegründet, die auch die Fähre in Vegesack einschloss. Damit gewährleistet die FBS die Fährverbindungen zwischen dem Stadtgebiet Bremen-Nord und den gegenüberliegenden niedersächsischen Gemeinden im Landkreis Wesermarsch jetzt rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr.
An der Fährstelle Berne-Farge wurden dann die Fährschiffe „Berne-Farge II“ (seit 1983 in Betrieb, 22 PKW oder 200 Personen) und Juliusplate (seit 1995 in Betrieb, 26 PKW oder220 Personen) eingesetzt, sodass zu den Hauptverkehrszeiten von jedem Ufer alle 10 Minuten eine Überfahrt stattfinden kann. Ansonsten wird entweder im 20-Minuten-Takt, im 30-Minuten-Takt bzw. nachts im Stundentakt gefahren.
Nachdem in den Jahren seit Bestehen der Fährverbindung Anfang der 60. Jahre die Zahl der beförderten PKWs und LKWs stetig gestiegen waren, kam es nach der Eröffnung des Wesertunnels bei Dedesdorf/Kleinensiel in den Jahren nach 2004 zu einem Einbruch in den Beförderungszahlen. So waren im Jahr 2003 noch ca. 780000 PKW und LKW befördert worden, während in den Folgejahren die Zahl auf ca. 600000 PKW und LKW sank.
Inzwischen machte aber der Andrang von schweren Lkw - auch durch die Einführung der Maut auf Autobahnen- an der Farger Fähre, aus Sicht der FBS den Neubau einer größeren und moderneren Fähre notwendig.
So ging dann 2018 das neue Fährschiff mit dem Namen "Farge" in Betrieb. Diese neue Fähre mit einem Hybridantrieb fährt sehr ruhig und vibriert weniger, denn unter Deck steckt ein innovativer dieselelektrischer Antrieb. Das bedeutet, dass anstelle von sechs Diesel-Motoren nur noch drei unter Deck verbaut sind. Die Dieselmotoren wirken nur noch als Generatoren (Generator-Power-Units) und liefern den Strom für die vier elektrischen Antriebspropeller (Schottelantrieb). Durch das neue System, welches auch einen Akkupuffer für die elektrische Leistung hat, kann die Fähre zeitweise sogar komplett elektrisch fahren.
Die Farge ist 2018 die erste hybride Personen- und Fahrzeugfähre in dieser Größenordnung in Deutschland. Der FBS übernahm damit eine Vorreiterrolle in Sachen innovative, umweltfreundliche Fähren. Ein solches hybrides Antriebssystem sorgt für deutliche Kraftstoffersparnis, minimale Emissionen und eine verbesserte Manövrierfähigkeit.
Das neue Schiff bietet Platz für 30 Autos oder bis zu 249 Personen
So entstand aus einem, vor mehr als 100 Jahren angefangenen Einmann-Nebenerwerbsbetrieb ein Unternehmen, das wirtschaftlich und verkehrstechnisch von größter Bedeutung für den gesamten Raum zwischen Unterweser und Elbe sowie für das Oldenburger Land geworden ist. Fast ein jeder im Bereich unserer Gemeinde Farge-Rekum und darüber hinaus, wird diese Fährverbindung sicherlich schon einmal benutzt haben.


Quellen:
1) Hans Lübsen (Heimatblatt Nr. 68, Juni 1974), siehe auch Homepage des Heimatvereins (www.heimatverein-farge-rekum.de)
2) Ina Anders, Fährverkehr und Tunnelbau, Isensee Verlag, 2005
3) Volker Kölling Cost Communication, „Eine neue Fähre muss her“, SportSchipper Seite 12
4) Fotos von Axel Krüger, im Besitz des HVFR
5) Friedrich-Wilhelm Brandt, Fähren der Unterweser, Isensee Verlag, 1993

Weser Impressionen